Kornelia Thiemann

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Welke Akademie – Zielführend.

Auswege aus dem Zeitdilemma (Teil 2)

Welke Akademie – Auswege aus dem Zeitdilemma

„Wir entscheiden unser Schicksal mit der Wahl unserer Götter.“ (Platon)

Wenn das Zeitdilemma ausufert und „Keine Zeit!“ zum täglichen Gefühlszustand wird, stellt sich umso mehr die Frage nach brauchbaren Auswegen. Solche, die auch Mut machen und zur Reflexion animieren. Ohne dabei der Illusion auf den Leim zu gehen, Zeit ließe sich in den Griff kriegen oder einfach managen. Denn wir können uns nur selbst „managen“, d.h. mit uns und unserer Zeit sorgsam umgehen. Und das im Bewusstsein, dass wir alles, was wir unserer Zeit antun, auch uns selbst antun. Im Guten wie im Schlechten. Deshalb soll hier von guten Wegen und Auswegen die Rede sein, wie schon in Teil 1 der Handlungsempfehlungen.

In Teil 1 wurden Sie ermutigt, eine ganz persönliche Not-To-Do-Liste bzw. Abschaff-Liste zu erstellen. Denn bestimmte Dinge bewusst und selektiv nicht oder nicht mehr zu tun ist angesichts der Tyrannei des wuchernden Zuviel geradezu ein Überlebensmittel. Jedenfalls eines, das das ermüdende Abstrampeln im Meer der Möglichkeiten lindert, wenn nicht gar heilt. „Selektive Ignoranz“ ist also angesagt. Gepaart mit der essentiellen Frage: „Was ist wirklich wesentlich für mich?“ 

Die Frage nach dem Wesentlichen führt unmittelbar zu einer weiteren Empfehlung, die mit ihr in enger Verbindung steht. Weil Wesentliches immer auch mit gelebten oder ersehnten Werten zu tun hat. Nach ihnen richten wir – bewusst wie unbewusst – unser Leben und unsere Zeitgestaltung aus. Oder um es in leichter Abwandlung Platons auszudrücken: „Wir entscheiden unser ZEIT-Schicksal mit der Wahl unserer Götter.“

Werte prägen unser Zeitverhalten

Was Platon schon vor rund 2400 Jahren postulierte, hat wohl auch in der Gegenwart noch Gültigkeit. Die Götter (d.h. Wertmaßstäbe) von heute mögen zwar andere sein, aber sie bestimmen ebenso maßgeblich unser Leben. Und zwar individuell wie kollektiv: seien es die profanen Götter Geschwindigkeit, Konsumismus oder die Götzen More & More. Etwa in Gestalt des Höher, Weiter, Schneller, Billiger. Oder wie es Karlheinz Geißler bereits 2000 in seinem gleichnamigen Buchtitel auf den Punkt brachte: „Alles. Gleichzeitig. Und zwar sofort. Unsere Suche nach dem pausenlosen Glück.“ 

Werte sind eine bedeutsame Kategorie unseres Lebens und unserer Kultur. Äußerlich sichtbares Handeln ist immer auch Ausdruck einer inneren Wertelandschaft. Und Wertelandschaften prägen unsere Zeitlandschaft. Sie steuern unser Zeitverhalten und unseren Lebensmodus. Sie sind Mitverursacher und Antreiber unseres Tuns oder Nichttuns. 

Um es anhand einer Metapher zu verdeutlichen: Alle unsere Wertvorstellungen – und mit ihnen auch Bedürfnisse und Erwartungen – füllen wir quasi oben in unseren Zeittrichter hinein. Am unteren Ende des Zeittrichters kommen sie gefiltert und modifiziert wieder zum Vorschein – als konkretes Handeln und Gestalten im Alltag. 

So sind Pausenlosigkeit und Beschleunigung auch Ausdruck einer Wertehaltung, die besagt: Ja, es ist für uns – jedenfalls für ausreichend viele – wichtig und richtig, dass alles schneller geht, wir jederzeit und überall erreichbar sind, wir heute bequem per Mouse-Klick bestellen können und morgen prompt geliefert bekommen usw. Allerdings zahlen wir dafür auch einen Preis: wuchernde Zeitarmut, Hektik, Erschöpfung. „Müdigkeitsgesellschaft“ nannte Byung-Chul Han seinen Essay von 2010 und landete einen Volltreffer. Das Buch war in zwei Wochen ausverkauft. Offenkundig ein virulentes Thema.

Empfehlung: Hinterfragen Sie Ihre Wertelandschaft

Um Auswege aus dem Zeitdilemma zu finden, genügt es nicht, an der Effizienzschraube zu drehen. Sie organisiert das Zeitnotübel nur noch besser und behandelt bloß Symptome. Echte Wurzelbehandlung setzt ganz oben beim erwähnten Zeittrichter an. Dort, wo es gewissermaßen um den Zufluss geht. Und damit um „Trichterfragen“ wie:
 

  • Was konkret ist für mich (nicht mehr) wesentlich und sinnstiftend?
  • Welche Werte bereichern meinen Zeittrichter – und welche verstopfen ihn?
  • Wofür bin ich (nicht mehr) bereit, Energie und Zeit auszugeben?
  • Was treibt mich an / ermutigt mich? Was ermüdet mich? Warum?


Durch solche Trichterfragen kommt man zeitraubenden Engpässen auf die Schliche. Oder positiv formuliert: sie eröffnen zeitschenkende Horizonte, die nicht ermüden, sondern ermutigen. Die selbstkritische Reflexion der eigenen Wertelandschaft und ihrer Hierarchie spielt eine entscheidende Rolle für ein sinnerfülltes Selbst- und Lebenskonzept. Ebenso für Selbstbestimmung und Autonomie. 

Apropos: Welcher Wert steht in Ihrer ganz persönlichen „Werte-Pyramide“ ganz oben? Und was macht den ganz besonderen Wert aus?

Empfehlung: Bauen Sie kleine Rituale ein

Um den Zeitfaden weiterzuspinnen – hier noch eine weitere Handlungsempfehlungen für die Praxis. Sie bezieht sich auf etwas, das trivial erscheinen mag. Sie vermittelt aber eine für das individuelle Zeiterleben fundamental wichtige Erfahrung: etwa das Gefühl von Selbstbestimmtheit, Autonomie, Ausgleich. 

Die Empfehlung lautet schlicht: Bauen Sie kleine Rituale in den Alltag ein. Man könnte Sie auch als „Mikro-Urlaube“ bezeichnen. Als schöpferische Auszeiten, in der Sie ganz Herr oder Frau Ihrer Zeit sind. Weil Sie etwa Länge und Tempo, Häufigkeit und Intensität selbst bestimmen können. Ein konkretes Beispiel sei hier kurz skizziert, das sich etwa als Morgenritual gut eignet. Es ist keineswegs ein banaler Hokuspokus, sondern dient der klaren Fokussierung und mentalen Selbstkalibrierung. Sie zeichnen erfolgreiche Führungskräfte und ManagerInnen besonders aus.

„Die Spiegelfrage“©  

  • Stellen Sie sich vor, Sie stünden vor einem Spiegel – oder noch besser,Sie stehen tatsächlich davor.
  • Folgende Frage taucht auf: „Was kannst Du HEUTE für Dich tun?“
  • Blenden Sie gedanklich den Spiegel erst dann wieder aus, wenn Sie eine stimmige Antwort gefunden haben. Es muss nichts Großartiges sein. Im Gegenteil.
  • Es genügen Kleinigkeiten. Aber sie sollten so konkret und realistisch wie möglich sein.
  • Alternativ dazu könnten Sie die „Spiegelfrage“ auch als täglichen „Top-Termin mit sich selbst“ in den elektronischen Planer eintragen und pflegen.


Die Übung mag anfangs etwas ungewohnt oder ungewöhnlich wirken. Aber Sie werden über die positive Wirkung erstaunt sein! Jedenfalls kann sie – gepaart mit den erwähnten „Trichterfragen“ oder ähnlichen Anregungen – ein zauberhaftes Werkzeug sein, um dem Zeitdilemma wirksam entgegenzutreten. Und vor allem, um Zeitqualität zu gewinnen. 

Zeitqualität hat per se nichts mit Gewinn an Länge oder Dauer zu tun, sondern mit Gehalt und Substanz. Die Replik auf die paradoxe These von Teil 1: „Wir haben immer weniger Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen“ könnte deshalb lauten: „Wir haben immer weniger Zeit, weil wir sie im Überfluss gewinnen (wollen).“ Denn Zeit lässt sich nicht gewinnen. Sondern nur vertiefen

Im aktuellen Buch von Dr. Schweifer Ach du liebe Zeit werden Auswege aus dem Zeitdilemma ausführlich vorgestellt, ergänzt durch konkrete, alltagstaugliche Übungen.

Dr. Franz J. Schweifer

Gastbeitrag von

Dr. Franz J. Schweifer

Dr. Franz J. Schweifer ist Geschäftsführer des Beratungsinstituts „Die ManagementOASE – Schweifer & Partner, Coaching. Training. Consulting." in Mödling b. Wien.

Als Zeitforscher, Temposoph©, FH-Lektor, Managementtrainer und Coach mit über 20 Jahren Beratungserfahrung hat er sich v. a. auf ZEIT-spezifische Themen im gesellschaftlichen, unternehmerischen wie persönlichen Kontext spezialisiert.

Aktuelle Publikationen:

(1) Ach du liebe Zeit
(2) Zeit – Macht – Ohnmacht

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