Kornelia Thiemann

Kornelia Thiemann

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Welke Akademie – Zielführend.

Auswege aus dem Zeitdilemma (Teil 1)

Auswege aus dem Zeitdilemma – die Zeit in der Sanduhr

Paradox:
Wir haben immer weniger Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen.
Wohin verschwindet sie bloß?

Schon einmal von der Multioptionsgesellschaft gehört? Bereits 1994 hat der Schweizer Soziologe Peter Gross in seinem gleichnamigen Buch das Dilemma unserer Zeit vorweggenommen. Einerseits lieben wir das Leben in einer Multi-Welt: „Die Möglichkeit ist des modernen Menschen liebste Wirklichkeit“. Andererseits leiden wir zunehmend darunter, weil zu viele Optionen unweigerlich den Zeitstress multiplizieren: „Die moderne Form der Verzweiflung – sich abstrampeln im Meer der Möglichkeiten." Das Dilemma mutiert also zum Multilemma. Und mehr denn je stellt sich die (Zeit-)notwendige Frage nach brauchbaren Auswegen.

Um vorab eines richtig zu stellen: Es geht hier um „Handlungsempfehlungen" und nicht darum, eine triviale Tipp- & Trick-Kiste zu bedienen. Sie wäre so nicht wirklich dienlich und würde nur falsche Illusionen wecken. Denn die vernetzte und global vergleichzeitigte Welt von heute hat einen wesentlichen Zeithaken, den es mit zu berücksichtigen gilt.

Es besteht nämlich eine enge Koppelung zwischen individueller und vergemeinschafteter Zeit, zwischen „meiner" ganz persönlichen Zeit und der „Weltzeit da draußen". Mit anderen Worten – individuelle Zeit ist zugleich immer auch soziale, kollektiv getaktete Zeit. Sie beeinflussen einander wechselseitig und sind voneinander abhängig. Eine völlige Entkoppelung von kulturspezifischen Zeitdynamiken, Mustern und Regeln ist kaum realisierbar. Außer etwa zum Preis sozialer Exklusion.

Individuelle Auswege sind wichtig und können funktionieren. Sie sollen auch Mut machen. Aber ohne dabei die jeweiligen Rahmenbedingungen und Grenzen zu übersehen. Und ohne der scheinbar unausrottbaren Illusion auf den Leim zu gehen, Zeit ließe sich vollends in den Griff kriegen. Sie lässt sich auch nicht kaufen oder verkaufen, gewinnen oder verlieren wie Aktien auf einer Börse. Wir können sie nur behutsam leben und lieben. Im Bewusstsein, dass wir alles, was wir der Zeit antun, auch uns antun. Im Guten wie im Schlechten. Hier soll von guten Wegen und Auswegen die Rede sein. 

Empfehlung: Erstellen Sie eine Not-to-do-Liste

Selektive Ignoranz hat nichts mit Wurstigkeit oder Schlendrian zu tun. Im Gegenteil. Es geht um die klare, bewusste Entscheidung, etwas zu tun oder nicht (mehr) zu tun, anzupacken oder sein zu lassen. Um das an einer simplen Metapher zu verdeutlichen: Nehmen Sie an, Sie sitzen in einem Running-Sushi-Lokal. Unzählige Speisen umkreisen Sie wie in einer Endlos-Schleife. Wann greifen Sie wo, wie oft, wie schnell zu? Wie entscheiden Sie? Spontan? Überlegt? Hören Sie auf ihr Bauch(völle)gefühl? Oder auf den nüchternen (Haus-)Verstand?

In Analogie zu den vielen Dingen, die Sie täglich erledigen sollen, hieße das: Sie können nur bedingt beeinflussen, was, wann, wie oft daherkommt – Mails, SMS, Postings, To-dos, Meetings, Events, Anfragen etc.; aber Sie können beeinflussen, wann Sie wo, wie oft „zugreifen", sprich JA – oder eben auch selektiv NEIN – sagen.

Auch wenn es trivial erscheinen mag – zwei Dinge gilt es immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, weil sie fundamentale Auswirkungen für das persönliche Zeiterleben und -gestalten haben:

  • Jede Entscheidung für etwas bedeutet immer auch eine gegen viele andere Dinge. Umso mehr stellt sich uns jedes Mal erneut die Frage: Ist wirklich klar, wogegen ich mich entscheide, was unbeachtet bleibt? Zunächst oder auf Dauer?
  • Entscheidend ist nicht nur, was man tut, sondern was man dezidiert nicht (mehr) tut.

Es geht also vor allem um die bewusste Entscheidung, gewisse Dinge, Gewohnheiten oder Aufgaben explizit nicht mehr tun zu wollen. Analog dazu basiert das Konzept der Not-to-do-Liste auf der Kernfrage: Was tue ich bewusst nicht mehr? Dabei kann sich die Liste auf zweierlei Aspekte beziehen.

  • Einerseits Dinge, gegen die ich mich implizit entscheide – indem ich mich definitiv für etwas anderes entscheide. Beispielsweise: 
    Ich nehme an Veranstaltung A teil und nicht an B. Ich kaufe dieses und nicht jenes. Ich widme mich dieser Aufgabe und nicht jener – jetzt, heute, morgen, diese Woche, diesen Monat/dieses Jahr. Genau dieses Ziel ist mir wichtig und nicht jenes. Ich pflege diese Kontakte und nicht (mehr) jene.
  • Anderseits Dinge, die ich bewusst nicht mehr tun will und werde – weil sie keinen Sinn ergeben, keinen Nutzen stiften, mir schaden oder schlicht Zeit und Energie rauben. Etwa:
    auf Pausen verzichten; auch im Urlaub arbeiten; ständig unterbrechen lassen, zu glauben, überall dabei sein oder alles selbst machen zu müssen; Dringliches mit Wichtigem verwechseln; in der Eile oder Routine Essentielles vergessen: Liebe, Anerkennung, ein schlichtes Danke…

Meine persönliche Abschaff-Liste

Seien Sie deshalb ermutigt, Ihre ganz persönliche Not-To-Do-Liste zu erstellen. Oder alltagsdeutsch: Ihre persönliche „Abschaff-Liste". Denn: etwas bewusst und selektiv nicht oder nicht mehr zu tun, ist ebenso entscheidend, wie etwas zu tun. Wenn nicht noch entscheidender. Es gibt unzählige Dinge, die sich entsorgen oder jedenfalls kritisch hinterfragen lassen. Energiesaugendes, Zeitraubendes, Lähmendes. Etwa unnütze Meetings, automatische E-Mail-Benachrichtigungen, ständige Erreichbarkeit, Smartphone-Dauerpenetration, Telefonitis, Kümmeritis, unklare Aussagen akzeptieren, hier ein voreiliges JA zu viel, dort ein klares NEIN zu wenig…

Der Lohn ist gewaltig. Sie werden staunen, wie viel unnützes Zeug sich in Ihr Leben eingeschlichen hat. Zeug, das nicht nur Ihren Kopf vollstopft, sondern Ihnen kostbare Zeit stiehlt. Und Sie werden staunen, wie viel mehr Raum für Wesentliches da ist!

Apropos: Was ist wirklich wesentlich für Sie? Und was an Unwesentlichem steht dem im Weg? Manchmal verstecken sich Wesentliches wie Unwesentliches in der gewohnten Eile des Tagesgeschäfts. Und es fällt einem ad hoc gar nicht ein oder auf. Spüren Sie dem nach und entscheiden Sie sich selektiv ignorant gegen all das unwesentliche Zeugs – und bewusst für das, was Ihrem Wesen entspricht. Dem Wesentlichen. Jedenfalls aber werden Sie auch erstaunt bis verblüfft feststellen, wie Recht Peter Drucker – einer der Pioniere moderner Managementlehren – mit seiner provokanten Aussage hatte: "Es ist immer wieder verblüffend, wie viele Dinge wir tun, die, wenn wir sie nicht mehr tun, keinem abgehen."

Im aktuellen Buch von Dr. Schweifer Ach du liebe Zeit werden Auswege aus dem Zeitdilemma ausführlich vorgestellt, ergänzt durch konkrete, alltagstaugliche Übungen.

Dr. Franz J. Schweifer

Gastbeitrag von

Dr. Franz J. Schweifer

Dr. Franz J. Schweifer ist Geschäftsführer des Beratungsinstituts „Die ManagementOASE – Schweifer & Partner, Coaching. Training. Consulting." in Mödling b. Wien.

Als Zeitforscher, Temposoph©, FH-Lektor, Managementtrainer und Coach mit über 20 Jahren Beratungserfahrung hat er sich v. a. auf ZEIT-spezifische Themen im gesellschaftlichen, unternehmerischen wie persönlichen Kontext spezialisiert.

Aktuelle Publikationen:

(1) Ach du liebe Zeit
(2) Zeit – Macht – Ohnmacht

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